Rückblicke

Backlash?! Eine feministische Analyse der US-Wahl

Vortrag und Diskussion

Backlash?! Eine feministische Analyse der US-Wahl
v.l.n.r.: Barbara Streidl, Prof. Heike Paul; Bild: Bayernforum

 

München, 19. Januar 2017. Warum konnte Donald Trump Frauen und Minderheiten ohne Konsequenzen beleidigen und sich trotzdem den Weg in die Präsidentschaft sichern? Warum wählten ihn 53% weißer Frauen angesichts seiner sexistischen Äußerungen? Lässt sich eine Stimmung beschreiben, die sich gegen die Emanzipation und den Aufstieg sozio-ökonomisch benachteiligter Gruppen richtet? Gibt es Hoffnung auf „zivilen Ungehorsam“, wenn die neue Administration daran geht, Menschen- und Bürgerrechte auszuhebeln? Mit diesen Fragen befasste sich in der Seidlvilla die Amerikanistin Prof. Dr. Heike Paul in einem Vortrag auf Einladung von Frauenstudien München e.V., dem BayernForum der Friedrich-Ebert-Stiftung und der bayerischen amerika-akademie. Die Veranstaltung eröffnete zunächst Barbara Streidl vom Bayerischen Rundfunk und Vorstandsfrau der Frauenstudien, die auch die sich anschließende Diskussion moderierte.

Prof. Dr. Heike Paul, Lehrstuhlinhaberin für Amerikanistik an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, stellte in ihrem Vortrag drei Thesen auf:

1. Der Wahlslogan „Make America Great Again“ beschreibe eine Sehnsucht der besagten 53% weißer Frauen nach Zeiten, in denen eine klarere Rollenverteilung und eindeutigere Geschlechterbilder in einem bestehenden Patriarchat  die Norm waren. Sie fühlten sich in „ihren“ Wertvorstellungen von Feministinnen der gehobenen Mittelschicht herabgewürdigt. Machohaftes Auftreten und frauenverachtende Einstellungen würden so umgedeutet  und im Sinne dieser Komplexitätsreduktion positiv besetzt, wenn auch nicht wörtlich geglaubt.  Gerade in wirtschaftlich schwächeren Gegenden im „Rust Belt“ hätten viele Trump-Wählerinnen das Gefühl gehabt, sie müssten sich mit ihren (weißen) Männern solidarisieren, die politisch vernachlässigt worden seien.

2. Der Wahlsieg Trumps stelle unzweifelhaft einen „Backlash“ (Rückschlag) dar, der in der jüngsten Geschichte der USA mehrfach vorgekommen sei. Mit Verweis auf das 1991 erschienene  Buch „Backlash. The Undeclared War Against American Women“ von Susan Faludi nennt Paul etwa die 1950ger (Nachkriegszeit) oder  die 1980ger (Reagan) Jahre als Beispiele. Auch nach den Terroranschlägen 2001 habe es einen Rückzug in die Häuslichkeit gegeben, so Paul.

3. In Bezug auf die Frage, ob es zivilgesellschaftliche Anstrengungen geben werde, die Werte der Emanzipation für Frauen, aber auch für alle gefährdeten Gruppen zu  verteidigen (Latinos und Latinas, Einwander_innen aus Mexiko, Afro-Amerikaner_innen) setzt Paul große Hoffnungen in die US-amerikanische Protestkultur. Es gebe seit Henry David Thoreau eine Tradition des zivilen Ungehorsams, an die angeknüpft werden könne. Paul äußerte die Hoffnung, diese Graswurzelbewegung könne erneuert und wiederbelebt werden, wie sich dies in Anbetracht der #womensmarchonwashington-Demonstrationen bereits andeute. Vielleicht sei Trumps Sieg dafür eine Gelegenheit.

Die anschließende Diskussion zeichnete sich durch großes Unverständnis für den Ausgang der Wahl aus. Die Bandbreite der angeführten Faktoren  reichte von der Intersektionalität (= Überlappung verschiedener Diskriminierungsformen in einer Person), die es bei Wahlanalysen zu beachten gilt, bis hin zum Versuch, Parallelen zu ziehen zum gegenwärtigen Aufschwung neurechter Parteien in Europa. Prof. Dr. Paul betonte dabei ihre Hoffnung, in Amerika bilde sich eine Neuauflage linker ziviler Protestbewegungen. Den Anfang haben wir just bei den Demonstrationen am 21. Januar erlebt, wenn auch der Präsident dies abzuleugnen versucht.

Einen kurzen Beitrag von Radio München zur Veranstaltung hören Sie hier. Die Frauenstudien München e.V. haben ebenefalls auf den Abend zurückgeblickt.

 

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