Rückblicke

Auswirkungen des demografischen Wandels im Einwanderungsland Deutschland

Gutachtenvorstellung und Diskussion

Marcel Thum/Bild: BayernForum

 

München, 17. Dezember 2015. Der demografische Wandel gehört zu den sogenannten Megatrends gesellschaftlicher Entwicklungen und ist ein langwieriger Prozess, der nahezu alle Bereiche der Gesellschaft tangieren wird. Übersehen wird in demografischen Prognosen häufig eine weitere Tendenz, nämlich die der Heterogenisierung der Bevölkerung. Dies nahmen wir uns zum Anlass, über die Auswirkungen des demografischen Wandels im Einwanderungsland Deutschland zu sprechen. 

Prof. Dr. Marcel Thum, Leiter der Dresdner Niederlassung des ifo Institutes – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München, führte das Publikum mit einem Vortrag in die Thematik ein, bei dem er die wichtigsten Ergebnisse des FES-Gutachtens „Auswirkungen des demografischen Wandels im Einwanderungsland Deutschland“ vorstellte. Das Gutachten untersucht die Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt und bei der Versorgung älterer Migrant_innen. Es zeigt auf, dass Migration den Bevölkerungsrückgang in Deutschland zwar nicht stoppen, aber doch erheblich dämpfen kann. Zugleich wird die Bevölkerung verjüngt. Urbane Gebiete sind dabei attraktive Migrationsziele. München beispielsweise strahlt beim gedämpften Rückgang der Erwerbsbevölkerung weit in die umliegenden Kreise aus.

Das Gutachten präsentiert mehrere Szenarien: „Ohne zukünftige Migration wäre die Bevölkerung im Jahr 2030 um rund 3,7 Mio (und 2060 gar um rund 7,3 Mio) kleiner als im Szenario mit moderater Zuwanderung.“ Mit Blick auf den Bereich Arbeitsmarkt, der an dem Abend im Fokus stand, lässt sich feststellen, dass sich Zuwanderung positiv auf die Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials auswirkt. Menschen mit Migrationshintergrund können durchschnittlich geringere Ausbildungs- und Qualifikationsniveaus vorweisen, sie sind aber auch bei Personen mit Hochschulreife überrepräsentiert. Mehr als die Hälfte berichtet von Diskriminierungserfahrungen, die sich hauptsächlich bei der Arbeits- und Ausbildungsplatzsuche ergeben.

Nach der Gutachtenvorstellung stieg das Publikum in die Diskussion mit Regina Ober, Leiterin der Servicestelle zur Erschließung ausländischer Qualifikationen und Regionalkoordination Netzwerk „Integration durch Qualifizierung (IQ)“, sowie David Schmitt, der beim Deutschen Gewerkschaftsbund Bayern für Sozial- und Arbeitsmarktpolitik zuständig ist, ein – moderiert durch Ellen Diehl, BayernForum der Friedrich-Ebert-Stiftung. Regina Ober berichtete aus ihrer Beratungserfahrung mit mehr als 10.000 Menschen über die Anerkennung ausländischer Abschlüsse, die sich trotz politischer Maßnahmen der letzten Jahre weiterhin schwierig vereinheitlichen lässt. In der Studie heißt es dazu: „Eine Gleichwertigkeit wird nur bei etwas mehr als der Hälfte der Anträge auf Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse in Deutschland ausgesprochen.“ Und weiter: „Erwähnenswert ist, dass die Anerkennung eines ausländischen Berufsabschlusses von lediglich einem Drittel aller Zuwandernden beantragt wurde.“ Hier scheinen noch viele Hürden – wie etwa unüberschaubare Anerkennungsmodalitäten oder ein nicht abgedeckter Beratungsbedarf – zu bestehen. David Schmitt stellte klar, dass es aus Sicht der Gewerkschaften keine Arbeitnehmer_innen zweiter Klasse geben darf, betrachtet man die vergangene Debatte darüber, ob der errungene Erfolg Mindestlohn für Geflüchtete ausgesetzt werden soll. Ebenfalls wichtig wird es für Gewerkschaften sein, den Arbeitsmarkt der Zukunft unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ mitzugestalten, damit auch geringer Qualifizierte gute Arbeit bekommen.

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